Anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Justus-von-Liebig-Schule finden, eingebettet in die Jubelfeiern der 400-jährigen Mannheimer Stadtgründung im Jahr 2007, vielfältige Aktivitäten an der gewerblichen Berufsschule statt. Zum Auftakt stand am 25.01.07 ein Neujahrsempfang mit dem Thema „40 Jahre Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen“ auf dem Programm.
Geladen waren zahlreiche Vertreter der Politik, der Wirtschaft sowie der Arbeitsagentur. Die Veranstaltung war auch für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich und wurde von ca. 200 Personen besucht. Diese konnten sich zunächst in der Pausenhalle der Schule über die zahlreichen Schularten, Projekte und Programme informieren, die speziell für benachteiligte Schüler an der Justus-von-Liebig-Schule angeboten werden. Das Angebot reicht von der Ganztagesbetreuung für Sprachanfänger über die besondere Förderung schulmüder Jugendlicher bis zum BEJ, einer speziellen Schulart für Jugendliche, die bereits einen Hauptschulabschluss erworben haben. Für das leibliche Wohl der Gäste sorgten Schüler/innen und Lehrer/innen der Nahrungsabteilung der Schule.
In einer anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Frage erörtert, welche Chancen die Jugendlichen heute nach dem Besuch des BVJ (Berufsvorbereitungsjahres) haben. Die Schulleiterin, Frau Ruiner, legte in ihren einführenden Worten die alarmierende Entwicklung hinsichtlich der Berufs- und Ausbildungschancen dieser Jugendlichen in den letzten 40 Jahren dar. Demnach fanden die Schulabgänger des BFJ im Jahre 1967 zu 90% einen Ausbildungsplatz, der Rest eine Arbeit. Die Ausbildungsquote verschlechterte sich über die Jahre und ist 2006 auf einem Tiefststand von 14% angelangt.
BVJ-Abteilungsleiter Jordan Arnold-Sandmann, der in gewohnt souveräner Manier den Abend moderierte, gab anschließend den Beteiligten die Möglichkeit, hierzu Stellung zu nehmen. Dr. Frank Mentrup (SPD-Landtagsfraktion) wies darauf hin, dass seiner Meinung nach das Duale System betrieblicher und schulischer Ausbildung allein nicht mehr ausreiche. Vielmehr sei ein Bündel von Maßnahmen erforderlich, zu dem neben der vollschulischen Ausbildung auch eine bessere schulische Förderung an den Hauptschulen zähle. Hierzu seien jedoch mehr finanzielle Mittel erforderlich. Demgegenüber wies sein CDU-Kollege Klaus-Dieter Reichardt darauf hin, dass angesichts der finanziellen Lage des Landes eine erhöhte Förderung der Schulen nach dem Gießkannenprinzip wenig realistisch sei. Punktuell jedoch könne er sich eine Unterstützung von vollschulischen Ausbildungsprojekten aber vorstellen, wenn diese konzeptionell durchdacht seien. Letzteres sei unbedingt notwendig, sprang ihm Dieter Latta von der BASF zur Seite, denn es sei schließlich wichtig, dass die Schüler anschließend auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar seien. Wichtig sei, dass die Jugendlichen ihre Fähigkeiten kennen lernten, um eine realistische Einschätzung möglicher Ausbildungsberufe treffen zu können. In diesem Zusammenhang stellte Latta das von der BASF betreute Projekt „Start in den Beruf“ vor, wobei die BASF die Koordination zwischen den Praktikumsbetrieben des Handwerks und der Berufsschule übernimmt und somit Schülern und Betrieben die Möglichkeit gibt, sich im Rahmen von Praktika kennen zu lernen und die Ausbildungsplatzsuche für beide Seiten zielgerichtet zu gestalten. Gunther Weidner von Daimler-Chrysler hob ebenfalls die Wichtigkeit von Praktika hervor, vor allem wenn es darum gehe, sich durch eigenes Engagement den Betrieben zu empfehlen. „Wir brauchen nicht die schulisch Besten, sondern die Richtigen!“, so Weidner. Auch auf eine konkrete Zusage ließ sich Weidner ein, denn er sagte zu, dass Daimler-Chrysler zukünftig von 100 Ausbildungsplätzen 20 Schülern mit Problemen anbieten wolle. Generell sollten die Großunternehmen nicht nur Ausbildungsplätze im hochqualifizierten Bereich anbieten. Wie alle Redner, so stellte auch Claudia Orth von der Handwerkskammer heraus, dass das Handwerk für die Ausbildung Jugendlicher nach wie vor die tragende Säule sei. Die Jugendlichen sollten allerdings bei der Berufswahl weniger ihre Wünsche als ihre Fähigkeiten berücksichtigen. Kritisch äußerte sich Frau Orth gegenüber der vollschulischen Ausbildung, da sich das Duale System insgesamt bewährt habe. Auch sie hob die Wichtigkeit von Praktika und eigenem Zupacken seitens der jungen Menschen hervor. An dieser Stelle sah Klaus Pawlowski von der Agentur für Arbeit allerdings das Problem, dass vielen Jugendlichen der Rückhalt des Elternhauses fehle. Zudem seien viele Berufe schlichtweg nicht bekannt und die Schüler auf wenige Ausbildungsberufe fixiert. Hier sieht Pawlowski die Möglichkeit einer Unterstützung seitens der Agentur für Arbeit. Einen kritischen Standpunkt nahm er zu möglichen staatlichen Ausbildungsprogrammen ein: „Lassen Sie uns das Bestehende verbessern!“, so sein Appell. Wichtiger als Programme sei eine effektive Nutzung der vor Ort vorhandenen Ressourcen. Dr. Gerhardt Mersmann von der Stadt Mannheim wies in die gleiche Richtung, wenn er vorschlug, die Selbstständigkeit der Schulen zu fördern, um eine schnellere, flexiblere Reaktion auf die Entwicklungen in der globalisierten Welt zu ermöglichen.
"Die Jugendlichen haben ein Recht darauf in die Gesellschaft integriert zu werden und dazu gehört eine Ausbildung und die Möglichkeit, dass sie ihre Brötchen selbst verdienen können". Mit diesem leidenschaftlichen Appell richtete sich die Schulleiterin noch einmal an die Diskutierenden und das Publikum und warb damit unter anderem auch für vollschulische Ausbildungen. Wo es nicht gelinge Jugendliche zu integrieren, so Frau Ruiner, glitten die Betroffenen häufig in die Schattenwirtschaft ab und das könne die Gesellschaft nicht wollen. Mit den Worten "Wir können es schaffen - Mannem vorn" wurde die Veranstaltung von Frau Ruiner durchaus optimistisch beendet.